CH – DK: Ein Schweizer Sektenkind erzählt seine Geschichte aus Kopenhagen

Letzten Sonntag, am 18. August 2024, erschien in der grössten dänischen Zeitung «Berlingske» die Geschichte des Sektenkindes und Aussteigers Cyril Ch., ein Schweizer Sektenkind und ehem. SeaOrg Mitglied, welches den bekannten Scientology-Milliarden-Vertrag ein erstes Mal mit 11 Jahren in der Schweiz od. in den USA unterschrieben hat. In Kopenhagen zwang man ihn, den Vertrag mit 16 Jahren (das geschah 2005), erneut zu unterschreiben

Viele Erlebnisse decken sich eins zu eins mit der Geschichte von Samuel Z., welche vor 2 Wochen im Beobachter Magazin publiziert wurde, und diejenige von Andrea B., welche im Oktober 2020 in der Sendung «Rundschau» ihre Geschichte aus der Region Basel erzählen konnte. Bei ihr hat Scientology Basel nicht lange gefackelt und den «Disconnect – Trennungsbefehl» rasch ausgesprochen: ihre Eltern und ihre Schwester trennten sich vor ihr. Und ihr Bruder Leo B. sprach im Dezember 2018 öffentlich kurz über seine Erlebnisse. Alle diese 4 Sektenkinder haben eines gemeinsam, die Verbindung zur Scientology Ideal Org in Basel!

Laut Hubbard gibt es keine Kinder im herkömmlichen Sinne – was bereits schrecklich genug ist. Einen Kindheitsbegriff hat Scientology nicht und es gibt auch keine Kindheit im eigentlichen Sinne innerhalb der Scientology Organisation. Eine Kindheit in Scientology bedeutet für die Kinder, die in das System Scientology hineingeboren und hineingezogen werden, oder wenn die Eltern dieser Organisation beitreten, dass sie nach den Grundsätzen und des Drills von Scientology aufwachsen und erzogen werden. Sie können nicht wählen, denn sie werden auch nicht gefragt, ob sie dies überhaupt wollen.

Kinder werden von klein auf in das vorgefertigte gedankliche System «Dianetik» und in Denkschablonen gequetscht, welche sie von sozialen Kontakten und menschlichen Umgang in der Gesellschaft ausserhalb von Scientology entfremden.

Erwachsene treten einer Organisation oder Gruppierung in der Regel freiwillig und mit Eigenverantwortung bei. Bei Kindern und Jugendlichen stellt sich durch die Mitgliedschaft ihrer Eltern diese Frage aber gar nicht. Beispiele zeigen, dass sich Eltern ihrer «Gruppierung» völlig unterwerfen und die Ziele des oder der Sektenbosse / Gurus blindlings als die «Erlösung» und als den einzigen Weg anschauen – und das auf Kosten und Wohl ihrer eigenen Kinder! Die Kinder sind dann ganz auf sich alleine gestellt, müssen den religiösen Missbrauch über sich ergehen lassen (religiöses Trauma) und die Aussenwelt kann ihnen rechtlich nicht unter die Armen greifen, ausser es liegt ein Delikt vor.

«Kinder sind Erwachsene in einem kleinen Körper» – L. Ron Hubbard

Kehren wir zum Hauptakteur Cyril Ch. zurück, den wir während einem englischen Interview im November 2023 kennen gelernt haben. In diesem 2,5-stündige Interview erzähl Cyril Ch. zum ersten Mal seine Geschichte und uns standen die Haare zu Berge. Danach nahmen wir mit ihm Kontakt auf und wie haben wir uns über den sensationell grossen Bericht in der o.g. Zeitung gefreut – Danke Cyril für deinen Mut, deine Geschichte zu erzählen, und dass du über deine traumatischen Erlebnisse berichtest – wir sind sehr stolz auf dich!

Heute ist er zweifacher Familienvater und er hat und lebt all die Jahre noch immer in Dänemark. Vermutlich wird es auch bei ihm nicht mehr lange dauern, bis auch er den offiziellen «Disconnect – Trennungsbefehl» erhält und schriftlich zur «SP – Suppressive Person – unterdrückerische Person» deklariert wird.

Und jetzt kommen wir zum 5-seitigen Bericht, welcher in der Zeitung «Berlinkgske» unter der Rubrik «Kultur» erschienen ist. Hier die deutsch übersetzte Version – es ist ein sehr langer aber auch ein sehr interessanter Artikel und wir wünschen viel Spass beim Lesen!

Zuerst jedoch ein paar zusätzliche Informationen:
Cyril Ch. wuchs in Basel auf und nach der Scheidung der Eltern zogen sie nach Lausanne um. Die Mutter hat beide Brüder während dem EPF-Kurs in Kopenhagen alleine und ohne Aufsicht gelassen. Als die Mutter zurückkam, nahm sie die Kinder aus der Schule, sie zogen im Oktober 2003 nach Los Angeles und lebten dort ohne mütterliche Aufsicht im «Blue Building» Gebäude!

Nach nur 6 Monaten zogen sie nach Kopenhagen, damit sie in die «CadetOrg» gehen konnten. Bei seinem Ausstiegs-Verfahren in der SeaOrg Kopenhagen, welche insgesamt 9 Monate dauerte, wurde er sofort von der damaligen Ehefrau und der Gemeinschaft getrennt und er musste während Monaten den bekannten «SecCheck» über sich ergehen lassen.

Im Youtube-Interview-Video mit Aaron Smith-Levin erzählte er letzten November seine ganze Geschichte in englischer Sprache.

Cyril war so nett und hat uns Fotos von seinem Zeitungsbericht geschickt – weiter unten folgt dann die Übersetzung:

Hier nun die Übersetzung des von der Journalistin Christina Hilstrøm geschriebenen Artikel (von Dänisch in’s Deutsche übersetzt):

Auf dem Titelbild steht: Er war ein Kind, arbeitete aber von 9 bis 23 Uhr. Jetzt nennt er Scientology „moderne Sklaverei“.

Auf dem Titelbild auf der Seite 3 in der Rubrik «Kultur» steht: ALS KIND UND JUNGER MANN WAR CYRIL GEFANGEN IN EINER ALTERNATIVEN REALITÄT INMITTEN IM ZENTRUM VON KOPENHAGEN: ‚ICH WAR EIN MODERNER SKLAVE‘.

Auf der Seite 4 steht der Titel: CYRILS GESCHICHTE IST EIN WEITERES DUNKLES KAPITEL IN DER DÄNISCHEN GESCHICHTE VON SCIENTOLOGY – Er war gerade 16, als er einen Vertrag für den Rest seines Lebens unterschrieb. Und dann begann die Arbeit. Dies ist die Geschichte einer 90-Stunden-Woche ohne freien Tag. Worum es dabei geht, beschreibt ein Aussteiger als „moderne Sklaverei“ im Zentrum von Kopenhagen. Und darum, alles zu riskieren, um sich ein Leben außerhalb zu schaffen. Scientology weist die Kritik zurück.

In seinem schwarzen Rucksack hatte er ein paar persönliche Dinge versteckt, persönliche Gegenstände und die wenigen Kleidungsstücke, die er besaß. Er wollte nicht, dass der Wachmann ihm ansah, dass er dieses Mal zum letzten Mal zur Tür hinausging. Er trat auf den Bürgersteig vor dem «Cort Adelers Gade 8» im Herzen von Kopenhagen. Und ging weg von allem, was er jemals gekannt hatte. Scientology gibt es schon seit über 70 Jahren. Kinder wurden von Scientologen hineingeboren und wuchsen mit der Organisation auf – ein Schwerpunkt ihres Lebens.

Für einige der Kinder, die in die Scientology geboren wurden, bedeutet dies eine Erziehung, bei der sie ihre Jugend unter sklavenähnlichen Bedingungen arbeiten mussten. Dies ist zum Beispiel in Dänemark geschehen, das seit 1969 die europäische Zentrale von Scientology beherbergt (AOSH) – und dies immer noch tut. Cyril Chiquet hat den Rucksack nicht mehr, den er an diesem Tag mitnahm.

Aber er hat seine Geschichte. Er erzählt sie in seiner Wohnung im 8. Stock eines neuen Gebäudes in Valby, wo er mit seiner Frau und zwei kleinen Kindern lebt. Die Wohnung ist zentral gelegen. Sie ist eine Errungenschaft. Ein in Ziegelsteinen errichteter Sieg. Ein echtes Zuhause für jemanden, der die meiste Zeit seines Lebens keines hatte.

„Ich war 11 Jahre alt, als ich zum ersten Mal einen Vertrag mit Scientology unterschrieb. Er lautete ‚für zwei Millionen Jahre‘. Ich erinnere mich, dass ich vor einem Stuhl kniete und das Papier unterschrieb, während es auf der Sitzfläche des Stuhls lag“, sagt Cyril Chiquet.

Er wurde 1988 in der Schweiz geboren, die Eltern gehörten Scientology an. Als er zwei Jahre alt war, trennten sich seine Eltern und er blieb bei seiner Mutter – und hatte nur selten Kontakt zu seinem Vater.

In seiner Geschichte geht es um Dänemark und Kopenhagen. Es gibt einen Grund, warum er genau hier landet. Es ist eng verbunden mit dem amerikanischen Science-Fiction-Autor, der die der Scientology gegründet hat, L. Ron Hubbard. Berlingske hat die Kritik an Scientology von Cyril Chiquet vorgelegt.

„Cyril Chiquet war ein Mitglied des religiösen Ordens der Scientology Kirche Europa vor fast zwanzig Jahren. Die Tatsache, dass es ihm gelungen ist in Berlingske über seine Geschichte zu berichten, macht keinen Sinn, außer der Unterstützung und der antireligiösen Heuchelei Raum zu geben“, schreibt Informationsmanagerin bei der Scientology Kirche Dänemark, Hildegard* (lesen Sie mehr auf Seite 8, Anm. d. Red.).

Hubbard hat nicht zurückgeblickt
Scientology ist seit Jahren umstritten. Im Jahr 1950 veröffentlichte Hubbard das Buch „Dianetik: Die moderne Wissenschaft der geistigen Gesundheit“. Ein Selbsthilfebuch mit leicht zugänglichen psycho-therapeutischen Werkzeugen. Das Buch stand 28 Wochen lang auf der New York Times-Bestsellerliste und verkaufte weit mehr als seine vorherigen Romane und Romane. Das Buch und seine Techniken waren etwas, das Anklang fanden. Überall in den Vereinigten Staaten bildeten sich Gruppen, Gruppen entstanden, die Dianetik praktizieren wollten. Und Hubbard? Er hat nie zurückgeblickt. Hubbard behauptete, dass man durch die Anwendung Dianetik „klar – clear“ werden könne. Ein glückliches und gut funktionierendes menschliches Wesen, das alle Traumata, Phobien von Traumatas, andere Phobien und Obsessionen überwunden hat und der sich an alles erinnern und sein volles menschliches Sprachpotential nutzen kann. Ein verlockender Gedanke, wie ein Zuckerbrot vor den Augen vieler Menschen, die diese Idee annahmen. Die Dianetik wurde zum Ausgangspunkt für die Organisation. Die Organisation Scientology wurde ins Leben gerufen.

Cyril Chiquet verbrachte in seiner Kindheit nicht viel Zeit damit, über Dianetik und das „Klarwerden“. Aber seine Mutter schon. Wie seine Halbgeschwister war sie eine engagierte Scientologin. Direkt oder indirekt verbrachte sie all ihre wachen Stunden mit Scientology. „Ich habe so gut wie keine Erinnerungen mit meiner Mutter gemeinsam zu essen“, sagt Cyril Chiquet.

Text unter dem Bild auf Seite 4-5: Cyril Chiquet befürchtete, dass er jeden Kontakt zu seinen Familienmitgliedern verliert, wenn er sich vollständig von Scientology löst.

Seite 5: Er und sein eineinhalb Jahre jüngerer Bruder verbrachten ihre Zeit ziemlich genau so, wie es ihnen passte. „Das Positive daran ist, dass mich das Aufwachsen sehr unabhängig gemacht hat“, sagt er.

Behaltenes Gewahrsam
An einem bestimmten Punkt war die feine Linie zwischen Freiheit mit Verantwortung und Vernachlässigung fast überschritten. In der Schweiz wurde eine Zwangsunterbringung in der Schweiz eingeleitet, als Cyril Chiquet, damals 11-jährig, und sein jüngerer Bruder der Schule mitgeteilt hatte, dass er nicht genug zu essen bekam.

Das Verfahren wurde jedoch von der Mutter gewonnen, die das Sorgerecht behielt. Und dann hatte sie die Idee, die sie nach Dänemark führte. In den Augen von Cyril Chiquet ist seine Mutter kein schlechter Mensch. Ganz im Gegenteil. „Sie ist davon überzeugt, dass sie das Richtige im Leben tut, indem sie Scientology über alles andere stellt“, sagt er. Denn Scientology kämpft dafür, dass alle Menschen „klar – clear“ werden. Wenn sie „clear“ werden «wird es ein Ende von Streit und Kriegen geben. Und die Welt wird ein besserer Ort mit glücklicheren Menschen».

Darüber hinaus arbeitete die Mutter von Cyril Chiquet, wie viele Scientologen, an etwas anderem, das ein etwas tieferes Verständnis der Dianetik und Scientology erfordert. Das Konzept der Scientology als eine philosophische und religiöse Praxis entstand einige Jahre nach L. Ron Hubbard die „Dianetik“ veröffentlichte. Der Grundgedanke / Idee ist, dass der Mensch in drei Teile geteilt ist: Geist, Körper und Thetan. Ein Thetan ist eine Art Seele oder Geist, und das Ziel eines Scientologen ist es, sich von Geist und Körper zu befreien und ein Operierender Thetan zu werden, ein OT.

Ein OT ist eine Art Übermensch, der nicht durch seinen Körper begrenzt ist und daher alles tun kann, vom durch die Wände gehen, durch die Zeit reisen und die Gedanken anderer Menschen lesen kann. OT wird in verschiedene Stufen eingeteilt. Man nennt sie eine „Brücke“, welche die Scientologen durch die Teilnahme an verschiedenen Kursen aufsteigen können. Die Mutter von Cyril Chiquet wollte ganz nach oben aufsteigen, obwohl die Kurse teuer waren und sind, und sie eine sehr hohe Stundenzahl arbeiten musste, um sie sich leisten zu können. Es war die hohe Arbeitsbelastung, die sie in ihre Probleme mit den Behörden in Bezug auf ihre beiden Söhne trieb. Aber in der Scientology Eliteeinheit, der Sea Org, sah sie eine Chance.

Eine eisige Begegnung mit Kopenhagen
Während zivile Scientologen unter anderen Menschen arbeiten und leben können und dann unter anderem Scientology-Kurse kaufen / besuchen, ist es für diejenigen anders, die bei der «Sea Org» angestellt sind.

Sie leben und arbeiten für Scientology, als ob sie an Bord eines Schiffes wären. Hier würden sie und ihre Söhne Unterkunft erhalten, während sie für die Organisation arbeitete. Die Söhne sollten Teil des „Kadettenprogramms“ werden, wo sie eine von Scientology genehmigte Ausbildung mit dem Ziel, Teil der Sea Org zu werden. Eine Ausbildung, um selbst Mitglied der Sea Org zu werden.

In den Straßen von Kopenhagen fiel die graue Winterkälte auf Cyril Chiquet, seinen jüngeren Bruder und seine Mutter. Ihre Kleidung war daran mitschuldig. Sie waren nicht für die Temperaturen in anderen Gefilden gemacht. Aber sie mussten sich damit abfinden.

Cyril Chiquet war 15 Jahre alt, als er in Kopenhagen mit seiner Mutter und seinem jüngeren Bruder in Kopenhagen ankam. Die letzten sechs Monate hatten sie in Los Angeles gelebt, wo ihre Mutter für Scientology arbeitete, und die Jungen hatten ihr Skateboard und mussten sich um ihre eigenen Angelegenheiten kümmern. Dieses Leben war nun endlich vorbei.

In der Vesterbrogade 22 mussten die Jungen in einem Art Empfangsraum warten. Ihre Mutter verschwand in den Hinterzimmern, während die Stunden vergingen. Erst spät in der Nacht liefen sie in ihrer kalifornischen Sommerkleidung von der Vesterbrogade zur Cort Adelers Gade bei Nyhavn. Der neue Mittelpunkt ihres Lebens. „Wir waren ungefähr 10 Kinder. Die Jüngsten waren wahrscheinlich 11 Jahre alt, und dann wurden wir unterrichtet. Meistens ging es um Mathe und Englisch und die Gedanken von Hubbard“, sagt Cyril Chiquet. Gelegentlich versuchte der Lehrer, ihnen etwas Dänisch beizubringen, aber das klappte nicht besonders gut. Jungen und Mädchen schliefen getrennt in Zimmern mit Etagenbetten. Und ihre persönlichen Sachen waren auf das beschränkt, was in einen einzigen engen Schrank passte.

Auf der rechten Seite steht in grossen Buchstaben: „Ich habe praktisch keine Erinnerungen daran, zusammen mit meiner Mutter Abend gegessen zu haben.“ – CYRIL CHIQUET

Seite 6: „Wir haben unsere Mutter nicht oft gesehen. Sie schlief im Schlafsaal mit Frauen der „Sea Org“ in einem anderen Stockwerk des Gebäudes“, sagt Cyril Chiquet. Mit 16 Jahren war der Unterricht vorbei. Der Abschluss der 9. Klasse hat er nicht geschafft. Dafür bekam er einen Vertrag und einen Stift in die Hand.

Er wusste es. Denn er hatte schon einmal einen ähnlichen Vertrag unterschrieben. Zum zweiten Mal in seinem Leben unterschrieb Cyril Chiquet, dass er für die „Sea Org“ von Scientology verpflichtet „für eine Milliarde Jahre“ zu arbeiten. Diesmal war es ernst gemeint.

Aber in ihm keimte ein ganz besonderes Gefühl auf. „Ich erinnere mich, wie ich unter dem Reiterstandbild auf dem Sankt Annæ Platz saß. Und das Einzige, woran ich denken konnte, war, dass ich das nicht wollte. Ich wollte nicht zur Sea Org gehen. Ich wollte nicht auf diese Weise arbeiten“, sagt Cyril Chiquet. Er behielt seine Gedanken für sich. Er konnte nirgendwo hingehen. Und er wollte nicht geächtet werden.

Lange Arbeitstage
Cyril Chiquet wurde der „Übersetzungsabteilung“ zugeteilt / zugewiesen, die im Geschäftshaus Kongensgade untergebracht war.

Und dann begann ein neues Leben. Der Arbeitstag begann um 9 Uhr morgens und endete um 23 Uhr, jeden Tag in der Woche. Auch an den Wochenenden. Am Samstagmorgen allerdings – nach dem Aufräumen seines Zimmers – konnte er manchmal die Erlaubnis bekommen, ein paar Stunden frei zu nehmen, in denen er Zahnpasta oder Seife kaufen konnte, wenn er sie brauchte.

Oft wurde der Arbeitstag durch Überstunden mit viel Arbeit verlängert. Entweder weil sie nicht genug Zeit hatten, um verschiedene Termine einzuhalten oder als Strafe für einen Fehler. Es gab Zeiten, in denen er die Nacht durcharbeiten musste. Anfangs wurde er mit 50 Kronen pro Woche bezahlt. Später erhöhte sich der Lohn auf 100 Kronen pro Woche. Das Geld wurde für Dinge wie Körperpflegeartikel, Seife, Zahnpasta, Shampoo und Unterwäsche ausgegeben. „Aber in manchen Wochen haben wir kein Geld bekommen. Entweder weil kein Geld da war oder weil wir für irgendetwas bestraft wurden“, sagt Cyril Chiquet und fügt hinzu: „Es war moderne Sklaverei.“ Zusätzlich zu Unterkunft und Verpflegung zahlte Scientology auch für die Uniformen der Mitarbeiter. „Aber wir bekamen nur zwei Hemden und ein oder zwei Paar Hosen. Man musste darum kämpfen, neue Kleidung zu bekommen“, sagt Cyril Chiquet.

Die Unterbringung erfolgte in einem Schlafsaal mit bis zu neun anderen Jungen oder Männern. In Zimmern in schlechtem Zustand. Es gab nicht wirklich eine Privatsphäre. Dies ist genau der Teil, der das Leben von Cyril Chiquet in Zukunft beeinflussen sollte. Doch zunächst zum Essen. „Mittwochs war es am besten, da gab es Nudeln mit Tomatensauce. Sie wurde in der Vesterbrogade hergestellt und dann in diesen Plastikboxen von IKEA, die normalerweise zur Lagerung verwendet werden, durch die Stadt transportiert. Als die Nudeln ankamen, waren sie in der Kiste so hart geworden, dass wir sie in Quadrate schneiden mussten“, sagt Cyril Chiquet.

Es war billiges Essen. Und mit wenig Zeit zum Essen. „Beim Mittagessen hatten wir eine 45-minütige Pause. Aber die 45 Minuten begannen, als wir im Geschäftshaus in Kongensgade waren, und das Essen befand sich im Cort Adelers Gade“, sagt Cyril Chiquet. Zwischen den beiden Adressen liegt etwa ein Kilometer, und obwohl sie in Eile waren, dauerte es in der Regel 15 Minuten – in beide Richtungen. Nach dem Mittagessen gab es einen der vielen Appelle des Tages, zusätzlich zu den Appellen im Geschäftshaus Kongensgade. „Oft wurden wir auch heftig für irgendetwas gescholten. Und es wurde damit gedroht, dass man nicht schlafen dürfe oder nicht bezahlt zu werden würde oder zu unterdrückerischen Personen erklärt zu werden (eine böse Person, die von anderen Scientologen ausgegrenzt wird, Anm. d. Red.). Aber das wurde so alltäglich, dass wir nicht mehr darauf reagierten.“

Er kannte das dänische Recht nicht. Cyril Chiquet hatte jedes Jahr zwei Wochen Urlaub. Aber die übrigen Stunden seines Lebens verbrachte er mit Arbeit. In Dänemark dürfen junge Menschen über 15 Jahren arbeiten. Aber die dänische Behörde für Arbeitsumwelt sagt, dass die Arbeitszeit «8 Stunden pro Tag und 40 Stunden pro Woche“ nicht überschritten werden darf. Darüber hinaus dürfen junge Menschen im Allgemeinen nicht zwischen 20 Uhr und 6 Uhr morgens arbeiten.

„Junge Menschen haben auch das Recht auf eine ununterbrochene Ruhezeit von mindestens 12 Stunden pro Tag und auf 2 aufeinanderfolgende freie Tage innerhalb jeden Zeitraums von 7 Tagen. Soweit möglich, sollten die freien Tage möglich sein und sollten normalerweise den Sonntag einschließen“, schreibt die dänische Arbeitsschutzbehörde in einer E-Mail an die Berlingske über die allgemeinen Bedingungen für junge Arbeit für junge Menschen. Die dänischen Rechtsvorschriften waren also überschritten worden. Aber Cyril Chiquet wusste das alles nicht. Er war in Kopenhagen. Auf den Straßen unterwegs. Aber er wusste nur vom Leben in der „Sea Org“, wo die Arbeitswoche in der Regel um 90 Stunden betrug.

Stunden, Tage, Monate und Jahre vergingen. Cyril Chiquet war am Arbeiten. Er fragte sich auch, was das soll. Er hat nicht versucht, „klar – clear“ zu werden oder die OT-Stufen zu erreichen. Das hat ihn nicht interessiert. Und er hatte auch nicht die Zeit dafür. Täglich war er jedoch mit Menschen zusammen, die „klar – clear“ waren oder hohe OT-Stufen erreicht hatten. Aber er hat keine einzige Person gesehen, die zu den angekündigten Übermenschen wurden. Er sah nicht eine einzige Person, die sich an alles erinnern konnte, was sie sie jemals erlebt hatte. Und auch niemanden, der Dinge mit der Kraft der Gedanken bewegen konnte.

„In der Sea Org gab es eine Arbeitskultur, in der viel geschrien und gebrüllt, gedroht und erpresst wurde. Wenn man etwas nicht erfüllte, durfte man abends nicht ins Bett gehen, oder man wurde nicht bezahlt, oder man wurde mit etwas bestraft, wie z.B. Toiletten putzen. Wenn wir diese erstaunlichen Hilfsmittel hatten, bei denen die Leute OT waren und irgendwelche verrückten Stufen erreicht haben sollten, machte es keinen Sinn, dass sie sich so verhielten.

Cyril Chiquet fragte sich auch, warum er immer wieder Korrekturen in L. Ron Hubbards Texten erhielt. Er arbeitete an der praktischen Seite der Neuauflage einer Reihe von Hubbards Büchern.

Die Nachricht lautete, dass die vorherigen Versionen Fehler enthielten, die von anderen gemacht worden waren – aber jetzt sollten Hubbard’s präzise und perfekte Texte verwendet werden. Dennoch gingen immer noch regelmäßig Berichte ein, dass es Fehler in den Texten gab, die bei Veröffentlichungen korrigiert werden mussten. „Ich erhielt immer wieder Korrekturen zu den denselben Büchern.

Unten neben dem Bild steht: „Heute sehe ich es als eine Art geistiger Angriff. Sie ließen mich glauben, dass ich böse war.“ CYRIL CHIQUET

Seite 7: Das machte keinen Sinn, denn ich habe Ihnen gesagt, dass es Hubbards Originaltexte sind, mit denen wir gearbeitet haben. Und wenn Sie der Denkweise von Scientology folgen, macht Hubbard keine Fehler.“ Es war ein langsamer, gleitender Schub. Die tektonischen Platten einer Weltanschauung bewegen sich langsam unter ihm.

Er wollte gehen, und der entscheidende Moment rückte näher. Doch zuvor fand ein weiterer entscheidender Moment in seinem Leben mit Scientology statt.

Ein entscheidendes „Ja“. Am 28. September 2007 stand er im Rathaus von Kopenhagen. Im Trauzimmer. 19 Jahre alt und mit seiner Freundin an seiner Seite. Als das Paar das Rathaus wieder verließ, waren sie Mann und Frau. Die frühe Heirat war in den Augen von Cyril Chiquet notwendig. Für die Scientology-Eliteeinheit „Sea Org“ war Sex sehr wichtig. Oder besser gesagt, der Sex durfte keinen Platz einnehmen, und nahm eine Menge Platz ein.

„Es ist verboten, zu masturbieren, und ich wusste, dass es verboten ist. Aber ich konnte mir nicht helfen. Heute betrachte ich es als eine Art psychischen Missbrauch. Sie haben mich glauben lassen, ich sei böse“, sagt Cyril Chiquet über die verhörähnlichen Situationen, die ein regelmäßiger Teil seines Lebens in der Sea Org in Kopenhagen war.

Wenn sich jemand in der Sea Org gepaart hat, kann / könnte es zu weiteren Wissens-Berichten führen. Denn wenn dieses Paar verbotenen Sex hatte, geschahen verbotene Dinge, die in den laufenden Beichtverhören, den so genannten „sec-checks“, zugegeben werden mussten.

Mit dem Ja im Kopenhagener Rathaus haben Cyril Chiquet und seine Frau die Möglichkeit zusammen zu sein – und bekamen ein gemeinsames Zimmer zugewiesen, obwohl sie beide in der Sea Org waren.

„Es ist erlaubt, eine Freundin zu haben. Aber man darf nichts anderes tun als Händchen halten und küssen. Wenn man mehr als das tut, kommt man in die Ethik-Abteilung. Und die Ethik-Abteilung ist die reinste geistige Folter. Es geht wirklich hauptsächlich darum, dass du ein schlechter Mensch bist und dass man das wiedergutmachen muss. Eine der Möglichkeiten, das zu tun, ist, noch härter zu arbeiten als bisher, als du ohnehin schon tust. Dann werden sie vielleicht wieder von Scientology akzeptiert. Aber das ist der Grund, warum viele Leute in der Sea Org sehr jung heiraten“, sagt Cyril Chiquet.

Berlingske hat die Heiratsurkunde von Cyril Chiquet gesehen. Berlingske hat auch Cyril Chiquets Ex-Frau kontaktiert. Sie wollte sich nicht an diesem Artikel beteiligen.

Die Heirat änderte nichts an der Tatsache, dass etwas in Cyril Chiquet schwelte. Er hatte sich nie ein Leben in der „Sea Org“ gewünscht. Aber alle seine engen Familienmitglieder waren zu dieser Zeit Scientologen. Ihm war somit kein anderer Weg aufgezeigt worden. Als Kind und Jugendlicher hatte er die Weltanschauung von Scientology nie in Frage gestellt. Aber als älterer Teenager kamen ihm leise Zweifel auf.

Er hörte 2008 auf zu schweigen, als ein entscheidendes Ereignis in Cyril Chiquets Leben eintrat.

Die Bücher, an denen er Tag und oft auch Nacht mit den Originaltexten von Hubbard gearbeitet hatte, waren veröffentlicht worden. Da sie als die richtigen Hubbard-Werke galten, mussten alle Scientologen sie kaufen – selbst wenn sie frühere Ausgaben der Bücher besaßen.

Das brachte Geld in die Kasse. „David Miscavige (oberster Leiter der Scientology, Anm. d. Red.) schrieb einen Brief, in dem er sagte, dass wegen der übersetzten Bücher, unsere Abteilung in drei Monaten mehr Geld eingenommen hatte als in den vorangegangenen 10 Jahren zusammen.“ Die Nachricht wurde von Cyril Chiquet nicht mit Freude aufgenommen.

„Als ich bei Sea Org anfing, gab es einen Teil von mir welcher zu glauben begann, dass wir uns auf einer Mission aufhielten, die zu Welt retten. Ich glaubte, dass mehr Menschen zu Scientology kommen würden, dass wir expandieren und so reich werden würden, dass wir nicht mehr so hart arbeiten müssten. Wir würden bessere Gebäude, bessere Uniformen, besseres Essen, bessere Versorgung, alles besser haben / besitzen, sagt Cyril Chiquet. Er selbst lebte am Existenzminimum. Er arbeitete wie ein Verrückter, wurde angeschrien, beschimpft bestraft, aß minderwertiges Essen, und es war extrem schwierig, ein neues Uniformhemd oder ein Hemd oder eine neue Uniformhose zu bekommen. „Aber es hat sich nichts geändert. Man sagte uns, dass wir viel, sehr viel verdient hatten. Aber wir bekamen kein besseres Essen, keine bessere Versorgung, keine besseren Gebäude“, sagt Cyril Chiquet und fügt hinzu: „Das war der Moment für mich. Von da an begann ich den Glauben zu verlieren.»

Aber da seine gesamte unmittelbare Familie und seine Frau in Scientology waren, würde Cyril Chiquet alles tun, um einen vollständigen Bruch mit der Organisation zu vermeiden. Die Überlegungen waren vielfältig. Das Risiko schien kolossal. Würde sich dann die Frau von Cyril Chiquet gegen ihn wenden? Würde er jede Person, die ihm jemals nahegestanden hatte, gegen ihn wenden? Dennoch beschloss er schließlich, mit seiner Frau zu sprechen und ihr seine Zweifel anzuvertrauen. Und darüber, dass er nicht länger mehr Teil der Sea Org sein wollte. Es war eine schwierige Entscheidung. Aber das Paar erkannte, dass sie gemeinsam die Sea Org verlassen und stattdessen zivile Scientologen werden wollten. Cyril Chiquet wollte die Tür nicht zuschlagen. Er wollte mit seiner Mutter und anderen Familienmitgliedern in Kontakt bleiben – das wäre unmöglich gewesen, wenn er komplett mit Scientology brechen würde. „Aber das wollten sie uns nicht erlauben“, sagt Cyril Chiquet.

Erzwungene Trennung
Die Beantragung der Erlaubnis, ziviler Scientologe zu werden, hatte eine Konsequenz. Cyril Chiquet wurde von seinen normalen Pflichten entbunden und ihm wurden andere, weniger attraktive Aufgaben zugewiesen. Zur gleichen Zeit führte die so genannte „Ethikabteilung“ eine lange Reihe von Vernehmungen mit ihm durch.

Cyril Chiquet war für den Abwasch in der Küche zuständig, die für die Menschen in der Sea Org kochten. Während 9 Monate tat er, was die Ethikabteilung ihm befohlen hatte. In der Hoffnung, seine Familie nicht zu verlieren. Aber es wurden auch andere Mittel eingesetzt. „Irgendwann haben meine Frau und ich ein Trennungsurteil erhalten. Das bedeutete, dass wir nichts mehr miteinander zu tun haben dürfen.“ Berlingske hat die Trennungsverfügung vom 20. Mai 2009 gesehen. Darin heißt es, dass „sie keinen Kontakt zueinander haben dürfen, bis beide ihre ethische Behandlung durchlaufen haben und die Trennungsverfügung aufgehoben ist“.

Kaum zwei Wochen später konnte er es nicht mehr aushalten. Am 1. Juni 2009 floh Cyril Chiquet – 21 Jahre alt und mit seinem Rucksack auf dem Rücken – aus dem Gebäude in der Cort Adelers Gade. Seine Frau blieb. Und mit ihm alles, was er je gekannt hatte. Draußen auf den Straßen von Kopenhagen kannte er niemanden. Er wusste nichts über die Welt, als das, was Scientology ihn gelehrt hatte. Aber er wusste, dass er eine gute Beziehung zu einem ehemaligen Sea-Org-Mitglied hatte. Eine zivile Scientologin, von der er wusste, wo sie wohnte – er fuhr mehrmals mit dem Fahrrad an ihrer Wohnung vorbei auf dem Weg zu und von den Scientology-Gebäuden im Fabriksparken in Glostrup. Widerwillig ließ sie ihn in ihrer Wohnung schlafen zwei Wochen lang.

Der Lebensweg von Cyril Chiquet ist voller Unebenheiten. Ein junger Mann ohne jegliche Ausbildung – außerhalb der Welt von Scientology – ohne Netzwerk, ohne Arbeit und ohne Geld. Die Möglichkeiten waren begrenzt. Er kehrte in die Schweiz zurück, wo er eine Zeit lang bei seinem Vater lebte. Während er darum kämpfte, sich in einem neuen Leben zurechtzufinden, tat er auch alles, was in seiner Macht stand, um nicht von Scientology zu einer „suppressiv Person“ von Scientology erklärt zu werden.

Unten links neben dem Bild steht: Cyril Chiquet hegt keinen Groll gegen seine Mutter, die ihn nach Kopenhagen brachte: „Sie ist einfach überzeugt, dass sie das Richtige in ihrem Leben tut, indem sie Scientology den Vorrang gibt über alles andere hinter dran stellt“, sagt er.

Im Kasten links neben dem Bild steht: Konzepte in der Scientology- Scientology ist in Dänemark eine Organisation, aber in einigen Teilen der Welt als Religion anerkannt.

Scientology wurde vom Science-Fiction-Autor L. Ron Hubbard in den 1950er Jahren gegründet. Hubbard behauptete unter anderem, dass man durch die Anwendung seiner Techniken, die in dem Buch „Dianetik“ beschrieben sind, „klar – clear“ werden könne. Eine glückliche und wohlhabende Person, die alle Traumata, Phobien und Obsessionen beseitigt hat, und die deshalb sich an alles erinnern und sein volles geistiges Potenzial nutzen kann.

Eines der übergreifenden Ziele der Scientology Ziel ist es, dass alle Menschen „klar – clear“ zu werden. Wenn sie clear werden, so die Moral, dann werden Frieden und Kriege vorbei sein.

Der Grundgedanke der Scientology ist, dass der Mensch in drei Teile geteilt ist: Geist, Körper und Thetan. Ein Thetan ist eine Art Seele oder Geist, und das Ziel eines Scientologen ist es, sich vom Geist, Verstand und Körper zu befreien und ein Operativer Thetan, ein OT, zu werden. Ein OT ist ein Übermensch, der nicht durch seinen oder ihren Körper eingeschränkt ist und kann daher alles tun, vom durch die Wände gehen, in der Zeit herumreisen und die Gedankenkontrolle anderer Menschen übernehmen. OT ist in verschiedene Ebenen unterteilt. Sie wird „eine Brücke“ genannt, die Scientologen aufsteigen können, indem sie verschiedene Kurse absolvieren.

Scientology gliedert sich in mehrere und verschiedene Untergruppen. Eine von ihnen wird „Sea Org“ genannt und ist eine Art Eliteeinheit. Die Mitglieder der „Sea Org“ leben und arbeiten in der Organisation. Sie haben einen Vertrag über „eine Milliarde Jahre“ unterzeichnet. Sie arbeiten jeden Tag stundenlang, jeden Tag in der Woche und erhalten ein sehr geringes Gehalt. Dies steht im Gegensatz zu zivilen Scientologen, die arbeiten können und unter anderen Menschen arbeiten und leben – und sich dann Scientology-Kurse kaufen und besuchen können.

Auf der letzten Seite Nr. 8 steht folgendes: Dies bedeutete unter anderem, dass sich Cyril Chiquet sich bereit erklärte, eine Rechnung für seine Zeit in der Sea Org“ zu bezahlen. „Ich musste eine Schmarotzerrechnung bezahlen. Wenn man die Sea Org verlässt, muss man für all die Kurse zurückzahlen, die man besuchen musste, während man dort gearbeitet hat.“ Die Kurse waren notwendig, um den Job zu bewältigen.

Für Cyril Chiquet belief sich die Rechnung auf 6.957,06 Kronen – das entspricht mehr als fünf Jahresgehältern bei „Sea Org“. Berlingske hat die Rechnung gesehen. Dazu kommt noch, dass er darüber hinaus eine Reihe von Büchern von L. Ron Hubbard kaufen musste – ironischerweise waren das die Bücher, an welchen Cyril Chiquet selbst daran gearbeitet hatte (Übersetzungsarbeiten), während er in der Sea Org war.

„Es waren etwa 27.000 Kronen. Ich habe die Rechnung nicht mehr, daher kann ich mich nicht an den genauen Betrag erinnern. Aber ich hatte kein Geld, also war es eine extreme Summe für mich.“ Cyril Chiquet lieh sich Geld von seiner Schwester, um die Rechnung zu bezahlen. Und dann gelang es ihm, einen Job als Reinigungskraft in einem Flughafenhotel zu bekommen. Der Weg, der vor ihm lag, sah dunkel und schwierig aus. Aber zwei besondere Fähigkeiten kamen ihm zugute: Er kannte die harte Arbeit, und er konnte mit sehr wenig Geld leben.

„Ich könnte es meiner Schwester zurückzahlen, und danach konnte ich es beiseitelegen.“ Stück für Stück baute er sich ein neues Leben auf. Er hatte es geschafft, die Sea Org zu verlassen, ohne „schlechtes Ansehen“ in Scientology zu bekommen. Aber er wollte mehr.

Ein Foto auf Instagram
Dann nahm er wieder Kopenhagen ins Visier. Im Sommer 2011 kehrte Cyril Chiquet zurück in die Stadt. „In Kopenhagen gibt es viele ehemalige Sea Org-Mitglieder, die immer noch Teil von Scientology sind. Ich dachte, es wäre einfacher zu überleben, wenn ich jemanden hätte, der mir hilft. Gleichzeitig wollte ich eine Ausbildung machen und ich wusste, dass sie in Dänemark kostenlos war“, sagt er und fügt hinzu: „Mir war klar, dass ich an der Tec Ballerup International IT-Support studieren wollte. Und dann habe ich einfach gebetet, dass sie nicht nach Diplomen fragen, denn ich hatte keine.“

Cyril Chiquet übernahm das Programm. Er arbeitete, sparte, arbeitete, sparte – die Fähigkeit, mit sehr wenig Geld zu leben, ist ihm geblieben. Irgendwann wechselte er und wurde stattdessen Fotograf. „Ich denke oft, dass Dänemark mein Leben gerettet hat. Hier hatte ich die Möglichkeit, mir ein Leben aufzubauen und aus dem Nichts aufzubauen.“ Im Jahr 2014 ließ er sich von seiner damaligen Frau scheiden. Den endgültigen Bruch mit Scientology hatte er abgewendet, und er hatte die Gelegenheit, sporadisch mit seinen Familienmitgliedern zu sprechen.

Das war, bis er im Februar 2021 ein Foto auf Instagram postete. Hier steht er mit seiner aktuellen Frau. Auf dem Foto ist sie schwanger. Und sie stehen zusammen in der Wohnung im 8. Stock des neuen Wohnhauses in Valby. Ein richtiges Zuhause. Für das Foto schrieb er zum ersten Mal über seine Zeit bei Scientology. „Als ich 21 Jahre alt war, verließ ich die Sea Org. Ich hatte keinen Ort, an den ich gehen konnte. Ich hatte kein Geld. Ich hatte keine Ausbildung. Ich hatte nicht einmal die Grundschule abgeschlossen. In der Tat schuldete ich sogar Geld. Ich wurde dazu aufgefordert Sea Org für die Kurse zurückzahlen, die Kurse, die ich während meines Aufenthalts dort besuchen musste. Es war ein harter Start“, hieß es. Dies führte zu Anrufen von mehreren Familienmitgliedern von Cyril Chiquet.

„Sie wollten, dass ich das Bild und den Text wieder herunternehme. Aber das habe ich abgelehnt“, sagt Cyril Chiquet. Es war eine schwierige Entscheidung. Er hatte viel Energie darauf verwendet und investiert, um nicht völlig mit der Organisation zu brechen. Jetzt wollte er das nicht mehr. Die Folgen dieser Entscheidung waren hart.

Cyril Chiquet hat keinen Kontakt mehr zu seiner Mutter und seinen Halbgeschwistern, die noch der Scientology angehören. Er glaubt, dass sie gezwungen worden sind mit ihm zu brechen, weil es nicht erlaubt ist, Kontakt zu Personen zu haben, die öffentlich schlecht über ihre Erfahrungen in der Organisation sprechen. Zu seinem jüngeren Bruder hat er noch Kontakt. Er verließ Scientology etwa zur gleichen Zeit wie Cyril Chiquet – und lebte eine Zeit lang als Obdachloser auf den Straßen von Kopenhagen. Was bleibt, ist, dass Cyril Chiquet nun ein Zuhause hat und eine Familie mit seiner neuen Frau – die nie Mitglied von Scientology war und ihren beiden gemeinsamen Kindern. Seine Kinder, so betont er, werden nie erleben, was er erlebt hat. „Ich weiß jetzt, dass ich ein moderner Sklave war.“

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Die dänische Zeitung hat der Scientology Sekte Kopenhagen, der Mutter und der Ex-Frau die Möglichkeit gegeben, ein Statement abzugeben – jedoch wurde dies nur von Scientology Kopenhagen in Anspruch genommen. Und bitte vergesst nicht, dass jeder Mediensprecher / Mediensprecherin direkt dem DSA (Department of Special Affairs –Abteilung für besondere Angelegenheiten und besser als OSA bekannt) angeschlossen sind. Sie besitzen dieselbe Rhetorik-Technologie wie unser bekannter Schweizer Mediensprecher und  wurde mit folgendem Titel publiziert:

Scientology weist Kritik vom Aussteiger zurück: „Sie ist mit dem Leben in anderen Ordensgemeinschaften vergleichbar“ – Scientology weist die Kritik des Aussteigers Cyril Ch. zurück, der in Berlingske von „moderner Sklaverei“ und einem Verbot der Masturbation spricht. „Antireligiöse Heuchelei“, sagt die Organisation.»

Bald werden wir, die FASA, viele Märchen und umgedrehte Aussagen von Scientology in Einzelteile zerlegen und dies mit dem «Johannesburg Sec Check» mit insgesamt 143 Fragen, damit ihr alle sieht, was Aussteiger über sich ergehen lassen müssen, wenn sie Scientology oder die SeaOrg verlassen wollen. Dieser «Sec Check» beinhaltet auch Auditings und dauert mehrere Wochen oder Monate!

Anmerkung FASA:
Die Mediensprecherin und OSA-Mitarbeiterin Hildegard* erhielt bei diesem Aussteigerbericht eine ganze Seite und konnte sich in alter scientologischer Manier äussern.

Wichtig zu wissen ist: Cyril Ch. erzählt seine Geschichte als Sektenkind und SeaOrg-Mitarbeiter bei Scientology und übt keine Kritik an Scientology aus! Es sind seine Erlebnisse, es ist seine Geschichte. Er bestätigt auch, wie viele andere weltweiten Sektenkindern, die Geschichte von Samuel Z. und Andrea B.

Mit typischer Scientology-Rhetorik versucht die Psychosekte Scientology, alle Aussteiger öffentlich zu diffamieren und als Lügner hinzustellen. Eigentlich ist es höchst erbärmlich, dass Scientology immer und immer wieder dasselbe Spiel spielt und es ist ein Beweis mehr dafür, dass die kleinste Kritik an Scientology bereits einen Weltuntergang für die manipulative und zerstörerische Organisation bedeutet.

Auch werden die Fragen der Investigativ-Journalistin nicht beantwortet, sondern mit der Scientology-Taktik umgangen, indem man über ein anderes Thema spricht. Wir haben keine Lust, euch dieses Blabla von Scientology zu übersetzen und diejenigen, die es interessiert, können gerne das Gespräch der dänischen Aktivisten anschauen, in welchem sie Punkt für Punkt darüber sprechen.

Über diese Scientologin haben wir in unserem Blogbeitrag vom 30.07.2024 ausführlich geschrieben.

Wir sind überzeugt, dass Scientology Schweiz mit diesen 4 Sektenkindern und ihren Medienberichten in den letzten 5 Jahren einen grossen Image-Schaden erleidet hat, und immer noch daran zu beissen hat.

So geht man NICHT mit Kindern um, wacht endlich auf!

9 Kommentare zu „CH – DK: Ein Schweizer Sektenkind erzählt seine Geschichte aus Kopenhagen

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