Buch: «Alptraum Scientology – Ein Tagebuch aus Leipzig» von Elke Nietsche

Dieses Buch ist laut dem Wichern-Verlag GmbH seit langem vergriffen, aber vielleicht erhält man es mit etwas Glück doch noch bei «Amazon.de», «Booklooker.de» oder «ZVAB».

Ist das FASA-Team schon im   Urlaub? Nein, aber wie ihr sehen könnt, hat unser Team nicht nur mit diversen Recherchen zu tun, sondern wir finden immer wieder Zeit, um Bücher von Aussteigern oder über das Thema Scientology zu lesen.

Hier unsere Buchrezession – let’s go!

Als ich die ersten Seiten dieses Buches gelesen habe, war ich zunächst etwas verunsichert. Der tagebuchartige Schreibstil wirkte auf mich ungewohnt, und ich fragte mich ehrlich, ob dieses Format einem so ernsten und komplexen Thema gerecht werden kann. Doch schon nach wenigen Seiten – etwa ab Seite 10 – wurde mir klar, dass genau diese Form eine besondere Stärke des Buches ist. Schritt für Schritt wird man tiefer hineingezogen, fast so, als würde man die Ereignisse in Echtzeit miterleben.

Auf insgesamt 94 Seiten schildert die Autorin eindrücklich, wie sie innerhalb weniger Wochen in die Strukturen von Scientology gerät – und es gleichzeitig schafft, sich noch vor dem sogenannten «Reinigungs-Rundown» wieder daraus zu lösen. Besonders eindrücklich sind ihre Schilderungen des Auditings sowie die Einblicke in den Alltag innerhalb der Organisation. Die Handlung bewegt sich dabei zwischen Leipzig, wo ein neuer Standort aufgebaut werden sollte, und der Deutschlandzentrale in München.

Was dieses Buch von vielen anderen unterscheidet, ist der klare Fokus auf den Einstieg in die Organisation sowie auf die Ausbildung zur sogenannten «Staff-Mitarbeiterin». Es geht weniger um abstrakte Ideologien, sondern vielmehr um konkrete Erfahrungen – und genau das macht die Lektüre so greifbar und beklemmend zugleich.

Sehr aufschlussreich ist auch die Darstellung der Überredungskünste hauptamtlicher Scientology-Mitarbeiter. Die Autorin beschreibt, wie systematisch versucht wird, Menschen zum Kauf von Kursen und Büchern zu bewegen – selbst dann, wenn weder Interesse noch finanzielle Mittel vorhanden sind. Es scheint immer eine «Lösung» zu geben: Kredite, geliehenes Geld oder andere Wege, die letztlich in eine finanzielle Abhängigkeit führen können.

Ein besonders irritierendes Detail ist die Behauptung eines Mitarbeiters in München, Arnold Schwarzenegger sei Scientologe – eine Aussage, die nachweislich nicht stimmt. Solche Beispiele zeigen eindrücklich, wie innerhalb der Organisation mit Halbwahrheiten oder gezielten Falschinformationen gearbeitet wird.

Ebenso eindringlich beschreibt die Autorin das sogenannte «Love-Bombing» – eine übertriebene Freundlichkeit, mit der neue Mitglieder empfangen werden. Anfangs wirkt diese Zuwendung authentisch und einladend, doch im Verlauf erkennt sie immer mehr, dass es sich um eine kalkulierte Strategie handelt. Später spricht sie daher treffend von «gespielter Freundlichkeit».

Besonders berührend ist der Moment, in dem deutlich wird, wie wichtig das Umfeld der Autorin für ihren Ausstieg war. Ihre Familie sowie die Lehrerin ihrer Tochter spielen eine entscheidende Rolle, indem sie ihr Mut zusprechen und sie zum Nachdenken anregen. Ergänzend dazu erhält sie Unterstützung von Fachleuten, die ihr helfen, sich aus den Strukturen zu lösen.

Ab Seite 84 setzt schliesslich ein zentraler Wendepunkt ein – ein Moment der Selbsterkenntnis. Die Autorin erkennt, wie stark sie durch permanente Beschäftigung daran gehindert wurde, eigene Gedanken zu entwickeln oder Situationen kritisch zu hinterfragen. Ihr Alltag war vollständig durchgetaktet – von früh morgens bis spät in die Nacht. Probleme wurden nicht reflektiert, sondern «gehandhabt», ein Begriff, der innerhalb der Organisation offenbar inflationär verwendet wird. Diese Vorstellung, alles «handhaben» zu können – vom Aschenbecher bis hin zu radioaktiver Strahlung – wirkt dabei ebenso befremdlich wie entlarvend.

Deutlich wird auch, wie wenig Raum für persönliche Bedürfnisse bleibt. Ein «Nein» wird kaum akzeptiert, familiäre Verpflichtungen – selbst die Versorgung des eigenen Kindes – treten in den Hintergrund. Alles ordnet sich dem vermeintlichen Fortschritt auf der sogenannten «Brücke» unter.

Besonders eindrücklich finde ich die Beschreibung jener kurzen Momente des Zweifelns: Augenblicke, in denen die Autorin spürt, dass etwas nicht stimmt. Doch diese Gedanken haben kaum eine Chance, sich zu entfalten, da sie sofort wieder in den eng getakteten Alltag eingebunden wird – sei es durch das Verteilen von Flyern, den Besuch von Kursen oder die Beschaffung von Geld für die nächsten Schritte.

Und all das geschieht innerhalb von nur sechs Wochen. Die Autorin selbst bezeichnet diese Zeit treffend als «sechs Wochen Psychoterror» – eine Formulierung, die nach der Lektüre absolut nachvollziehbar ist.

Insgesamt ist «Alptraum Scientology» ein sehr eindringliches, persönliches und wichtiges Buch. Gerade durch die tagebuchartige Struktur entsteht eine unmittelbare Nähe, die das Geschehen besonders authentisch wirken lässt. Es ist keine theoretische Abhandlung, sondern ein Erfahrungsbericht, der nachhallt und zum Nachdenken anregt.

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